elisabeth am see® | Berufung und Beruf – Traum und Wirklichkeit eine Bilanz

Berufung und Beruf – Traum und Wirklichkeit eine Bilanz

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Meinen ersten Besuch im Ankerhaus im Frühjahr 2016 erinnere ich noch gut: Mit Spannung erwarteten der Leiter des Hauses, Hans Hansen, sein Team und einige Bewohner von Schwielowsee eine Gruppe von minderjährigen Flüchtlingen aus dem Nahen Osten, aus Nordafrika, aus Ländern Afrikas südlich der Sahara. Eine große Herausforderung! Wird das „Ankerhaus“  – eine Einrichtung der Jugendhilfe – es schaffen, seiner Aufgabe gerecht zu werden?
Was sind eigentlich die Anforderungen an eine Einrichtungen der Jugendhilfe?
Jugendhilfe hat die grundsätzliche Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu fördern und ihre Entwicklung zu unterstützen.
• Sie soll die ihr anvertrauten Menschen vor Gefahren schützen und für ihr Wohl sorgen
• Sie soll die Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit vorantreiben
• Sie soll dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für den Jugendlichen zu schaffen.
Diese Hilfe gibt es für  a l l e  Kinder und Jugendlichen in Deutschland, wenn das Elternhaus nicht mehr vorhanden ist oder diese Aufgabe nicht erfüllen kann.
Ich möchte von Hans Hansen, dem Leiter des Hauses, wissen: Wie geht die Entwicklung der Jugendlichen voran, wie wird der Weg in eine berufliche Zukunft geplant, wie viel Eigenverantworlichkeit ist bereits gewachsen? Kann eine Berufung zum Beruf, können Träume verwirklicht werden? Oder ist die Realität enttäuschend?
Für die meisten Jugendlichen ist es schwer zu verstehen, dass sie hier in Deutschland zur Schule gehen müssen, dass sie erst in drei oder vier Jahren Geld verdienen und die Familie zuhause unterstützen können. Ihr Traum – ich arbeite, bin sparsam, genügsam und schicke das Geld zu meiner Familie – zerplatzte bei allen  sehr schnell. Die Mitarbeiter des Ankerhauses müssen diese Enttäuschung auffangen und individuelle Lösungen finden, welche die Jugendlichen umsetzen können.
Klar ist, dass schulischer Erfolg, dass Lehrherrn und –frauen eine gute Sprachbasis fordern. Deutsch lernen ist oberstes Gebot. Da müssen die Mitarbeiter des Ankerhauses, unterstützt von Ehrenamtlern, sehr streng sein. Das Angebot – wie z.B. ein Sprachcamp in den Sommerferien im Gemeindehaus Caputh –muss verbindlich genutzt werden.
Viele der derzeit 24 jugendlichen Bewohner gehen noch zur Schule, besuchen das Oberstufenzentrum Werder oder gehen zur Oberschule. Andere suchen Praktikumsplätze und erhoffen sich einen Ausbildungsvertrag. Ein Jugendlicher, der bereits in seinem Land drei Jahre als Herrenfriseur gearbeitet hat, sprich, viel mit der Haarschneidemaschine gearbeitet hat, sieht sich auf seiner Lehrstelle mit ganz anderen Aufgaben konfrontiert – z.B. Damenfrisuren schneiden. Wird er diese Ausbildung schaffen? Andere, die gerne KFZ-Mechaniker werden würden und schon in ihrem Land in der Werkstatt gearbeitet haben, entdecken, dass die Autos hier die Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker fordern, viel Wissen um die ganze Elektronik wird gefordert. Der Weg zum Medizinstudium lässt sich für einen anderen vielleicht über die Ausbildung zum Kranken-  oder Altenpfleger öffnen.
Nicht jeder hat das Glück, einen Lehrherrn aus dem Herkunftsland zu finden, so wie es einem der Jugendlichen gegangen ist, der Zahntechniker werden will. Andere sind besser beim Gartenbau aufgehoben, da sie aus ländlichen Gegenden kommen. Ein Jugendlicher, der gerne Schreiner werden möchte, ist begeistert von seinem Praktikum im Oberlin-Haus. Praktika in der Gastronomie, in einer Bäckerei oder im Einzelhandel konnte das Ankerhaus bisher organisieren. Ausbildungsverträge liegen schon vor. Doch leider fehlt oft noch der Stempel zur „Duldung“ –die Aussetzung der Abschiebung –  für die Dauer der Ausbildung, also für zwei bis drei Jahre mit anschließender Berufausübung von maximal zwei Jahren. Eine schwierige und belastende Situation für alle.
Mein Eindruck ist, das alles wird mit Bravour und hohem individuellen Engagement gemeistert. Drei Jugendliche werden demnächst zusammen in das „Kompasswohnen“, eine betreute Wohngemeinschaft in Michendorf ziehen und beweisen, dass sie selbständig ihr Leben meistern können. Ein großer Erfolg! Wie erfolgreich wird die Bilanz Ende 2018 bei Schließung des Ankerhauses ausfallen?
Wir Bewohner von Schwielowsee drücken die Daumen, oder? Und helfen weiter, falls wir gebraucht werden.

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